Lies mir vor!

Lies mir vor! Geschichtenfür Senioren und Demenzerkrankte!   Ausgewählt und geschriebenfür Senioren, Angehörige, ehrenamtliche Helfer, Pflegepersonal und alle Interessierten.   Zusammengestelltzum Vorlesen in gemeinschaftlicher Rundeoder alleine genießen.   Vorleseangebot für Familien und Pflegekreise   Zum Teil nicht für Kinder geeignet!     *Die dargestellten Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden und entspringen allein der Phantasie der Verfasser. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder mit tatsächlich stattgefundenen oder stattfindenden Ereignissen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.    Die in diesem Buch enthaltenen Geschichten wurden für einen guten Zweck verfasst, ohne die Absicht einen Gewinn zu erzielen. Die Urheberrechte verbleiben bei den Autoren, die bereit waren, an diesem Projekt mitzuarbeiten.      Allen Helfern, Mitarbeitern und vor allem den Autoren möchte ich meine allergrößte Hochachtung und meinen Dank aussprechen.     Die Anordnung der Geschichten erfolgt rein zufällig. Wir hoffen, dass es jedem Leser möglich sein wird, etwas für sich zu entdecken.          * * * gewidmetFrauAnna Wieckhorst* * *          * * *  Autoren:  * * *           Fledertai Hermes sigridlenz  ·       * * * Inhaltsverzeichnis:     HermesDie Flucht                   * * *  Geschichten  * * *   Zeus verfasst vonHermes   “Bildungsreise! Warum hab’ ich mich bloß von dir überreden lassen, diese blödsinnige Tour mitzumachen. Billiger ist sie auch nicht, dafür ist das Hotel schlechter und die Männer sind blöde, dämlich, arrogant und überhaupt zu nichts gut. Laufen den ganzen Tag hinter irgend welchen Scherben her und hören gebannt den schlauen Reden unseres Reiseleiters zu. Noch eine Nacht länger hier in Olympia und ich flipp aus. Wären wir lieber in den Kalimera-Club gefahren, da hätten wir jeden Tag einen anderen Mann aufreißen können, aber nein – Bildungsurlaub! Du und deine alten Griechen mit ihren Mythen und Sodomythen, die kaputten Steine vom Zeustempel, das ist alles. Nicht mal ein Bild von der Zeusstatue hängt hier. Phidias, wer hat von dem schon mal gehört! Und den Köter da draußen, den bring ich um, mit seinem ewigen Gekläffe. Immer folgt er uns”.“Lass ihn doch. Ich finde ihn hübsch. Ich geh jetzt noch mal ein bisschen spazieren, das Abendbrot verdauen, warte nicht auf mich mit dem Schlafengehen.”“Du willst wohl wieder zu den Ruinen. Na, viel Spaß, Grieka, ich geh mal in die Taverne. Vielleicht sind da ein paar Männer, die nicht nur Steine im Kopf haben.”Grieka nimmt ihre leichte Sommerjacke vom Bett und verlässt ihre maulende Freundin. Draußen vor der Tür ist Betrieb. Die Tageshitze hat einer erträglichen Wärme Platz gemacht. Grieka geht langsam Richtung Ruinen. “Der Köter” springt fröhlich bellend und mit dem Schwanz wedelnd an ihr hoch. Beinahe hätte er Grieka umgeworfen. Er ist ein ausgewachsener Kangal, ein türkischer Hirtenhund. Sie schimpft mit ihm, was der Kangal mit leisem Jaulen beantwortet. “OK, ich nenne dich Zeus. Schließlich musst du ja irgend einen Namen haben!” Er setzt sich auf seine Hinterpfoten und sagt: “Wuff!”Grieka geht weiter. ‘Zeus’ läuft wie gelernt neben ihr. Im ‘Heiligen Bezirk’ geht sie langsamer. Sie holt aus ihrer Jackentasche die Beschreibung der Ausgrabungen hervor, obgleich sie jedes Gebäude beim Namen kennt und weiß, wozu es einst diente.“Komm ‘Zeus’, wir gehen zu deinem Tempel!” Wieder sagt ‘Zeus’ nur “Wuff!” aber er läuft jetzt vorweg. Grieka schüttelt ungläubig den Kopf: ‘Zeus’ läuft an der ‘Palästra’ vorbei, der Turnhalle der Boxer und Ringkämpfer, und biegt nach links ab zu der mächtigen alles beherrschenden Ruine des Zeustempels. Er verschwindet zwischen den wirr umherliegenden Säulentrommeln. Grieka folgt ihm langsam nach. Ihre Hände gleiten streichelnd über die mehr als zwei Meter mächtigen Bruchstücke der alten Säulen. “Zeus, wo bist du?” Sie hört ein vertrautes “Wuff” und ein leises Winseln. Sie geht dem Ton nach. Auf einem Sockel sitzt ‘Zeus’ und blickt Grieka an.An dieser Stelle muss die berühmte Zeusstatue gesessen haben, eins der sieben Weltwunder, von Phidias aus Gold und Elfenbein geschaffen. “Wenn sich der thronende Zeus erhöbe, so würde er die Decke des Tempels durchstoßen”, murmelt Grieka, einen alten römischen Historiker zitierend. Sie setzt sich auf ihrer Jacke zwischen zwei dicke Steinbrocken mit dem Rücken gegen eine der Säulentrommeln. Sie sind rau aus Muschelkalk und haben ihren Marmorverputz längst verloren.Die Zikaden haben ihr Lärmen eingestellt. Grieka träumt ihren alten Traum von den griechischen Helden und Heroen, von Athene, Artemis, Aphrodite und von Zeus. Sie rückt sich etwas bequemer zurecht. ‘Zeus’ springt von seinem Stein und stupst sie mit seiner Nase an und legt sich neben sie. “Woher weißt du, dass hier die Cella war, dass hier an dieser Stelle Zeus in all seiner Pracht saß?” Zeus antwortet nicht. Er blickt Grieka starr und unverwandt in die Augen.Als Grieka am nächsten Morgen erwachte, war ‘Zeus’ verschwunden. Sie blieb liegen und versuchte, sich an alle Einzelheiten ihres Traumes zu erinnern Sie schloss die Augen. Die Erinnerung ließ ihre Formen unter der dünnen Bluse deutlicher hervortreten. Sie atmete tief auf. “Träume”, murmelte sie halblaut und “Schade!” Dann stand sie auf und zog sich die zerknitterte Jacke an, denn die Sonne stand noch dicht über dem Horizont und es war morgendlich kühl. Sie stutzte, fuhr erschrocken mit der Hand unter ihren Rock. Ja, der Slip auf der Säulentrommel gehörte ihr.  Kommentar des Autors: Grieka ist die Tochter einer Archäologin und eines Studienrats für Griechisch und Latein an einem humanistischen Gymnasium einer deutschen Landeshauptstadt. Sie studiert Archäologie und Altgriechisch im 9. Semester. Ihr Dissertationsthema sind die Ausgrabungen von Olympia unter besonderer Berücksichtigung des Zeustempels (Arbeitstitel). Ihren Spitznamen bekam sie schon mit sieben Jahren, weil sie am liebsten griechische Rollen spielte und ihren Puppen die Namen griechischer Helden und sogenannter Götter gab. Sie wird in drei Jahren mit Summa cum laude promovieren. Die Verspätung ist auf die Geburt ihres Sohnes zurückzuführen, der exakt neun Monate nach obigem Ereignis das Licht dieser Welt erblicken wird. Grieka wird ihn ‘Theodor’ nennen, ‘Das Geschenk Gottes’. Theo wird Jurist und als Staatsanwalt berühmt durch seinen Kampf gegen Wirtschaftskriminalität. Die Heroen des 21. Jahrhunderts unterscheiden sich von ihren Halbbrüdern vergangener Zeiten nur äußerlich. Herakles reinigte den Stall des Augias, Theodor wird einer gewissen Gruppe der Höchstfinanz das Handwerk legen und die Welt von ihrer illegalen Herrschaft befreien.  * * *          Die Flucht Idee: Manu KochAutor: Fledertai   „Laufen“, das war alles, was sie dachte, alles, was sie tat! Sie mobilisierte alles, was ihr Körper noch herzugeben im Stande war – und alles war nicht mehr allzu viel…Ihr war schwindelig und Übelkeit kroch aus ihrem Bauch herauf. Ihr Körper war es nicht mehr gewohnt, ihren Befehlen zu gehorchen. Er wehrte sich mit stechenden Schmerzen in den Armen und Beinen und einem dumpfen Hämmern hinter der Stirn. Am liebsten hätte sie sich einfach fallen lassen – gerade dort, wo sie stehengeblieben wäre. Einfach aufgegeben und einen Augenblick lang, die frische, reine Luft und die Freiheit genossen… Aber sie lief weiter, immer weiter! Nicht, weil sie wollte, weil sie musste! Jedes Hindernis, das sie stürzen ließ, verringerte ihre Chance zu entkommen und zu überleben! Es war stockfinster hier im Wald. Lief sie überhaupt in die richtige Richtung? Was, wenn sie die ganze Zeit im Kreis lief? Oder noch tiefer ins Dickicht hinein? Warum hörte sie ihn nicht? Er musste außer sich sein vor Wut über ihre Flucht! Sie wusste nicht, was sie überhaupt noch voran trieb. Vielleicht Hoffnung, vielleicht Angst? Sie wurde den Gedanken einfach nicht los, dass er sie jeden Moment einholen und packen würde! Aber genauso gut war es möglich, dass sie ihm in dieser Dunkelheit direkt in die Arme lief. Er kannte diesen Wald in und auswendig, da war sie sich sicher. Plötzlich blieb ihr Fuß an einer Wurzel hängen und sie fiel der Länge nach ins Dunkel. Der Aufprall war nicht allzu hart, aber in ihrem linken Knöchel spürte sie einen reißenden Schmerz und ihre linke Hand pochte! Mühsam rappelte sie sich auf und versuchte, den Schmerz zu ignorieren. Da überkam sie eine Erinnerung: Ihr Gefängnis. Sie, betäubt vom Schmerz in ihrer Zelle sitzend. Er saß in der Mitte der Halle, zu der alle Zellen führten, in seinem Lehnstuhl und betrachtete amüsiert das Schauspiel. Ein junger Mann, sein jüngstes Opfer, unternahm den verzweifelten Versuch zu entkommen. Aus zahlreichen Wunden blutend und mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchte er verzweifelnd, die brüchige Wand hinaufzuklettern. Doch er schaffte jedes Mal nur rund einen Meter, dann ließ seine Kraft nach und die Schmerzen wurden zu groß. Das Schlimmste war, ungefähr zwei Meter über ihm war ein offener Gang, der in die Freiheit führte. Er saß ruhig in seinem Stuhl und betrachtete sein Opfer voller Neugier. Es dauerte ungefähr eine Stunde, bis der junge Mann endlich aufgab. Langsam stand er auf, packte sein Opfer, hob es hoch und sagte: „Sieh nur, da geht es in die Freiheit. Du musst nur deinen Arm ausstrecken, um hinein zu kriechen.“ Der junge Mann aber war viel zu schwach, um sich überhaupt zu bewegen! Schließlich schleifte er sein Opfer in die Zelle neben ihr und verschloss die Tür. Dann sah er zu ihr hinein und meinte grinsend: „Nicht wahr, er hatte seine Chance!“ Was, wenn er nun auch irgendwo lauerte und sich an ihrem Leid ergötzte und nur darauf wartete, dass sie aufgab? Sie musste weiter, irgendwann musste sie ja aus dem Wald heraus sein! Vom Laufen war mit dem verletzten Knöchel allerdings keine Rede mehr! Sie humpelte und schlurfte über den unebenen Waldboden. Oh Gott, sie war zu unsicher auf den Beinen und viel zu langsam, er würde sie einholen, das war sicher! Dann würden die ganzen Torturen von vorne beginnen, die Hölle würde sich erneut für sie öffnen. War sie ihm wirklich für nichts und wieder nichts entkommen? Stumme Tränen liefen über ihr Gesicht, sie versuchte, sich zu konzentrieren, irgendetwas zu erkennen, woran sie sich orientieren konnte. Es war sinnlos! Sie blieb einfach stehen und schloss die Augen. Sie konnte selbst kaum glauben, dass sie das wirklich tat!„So, nun ist die Show vorbei“, dachte sie. „Mehr werde ich dir nicht bieten! Wenn ich schon sterbe, dann in Freiheit!“ Was war das? Ein leises Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit. Es schien weit entfernt und ähnelte einem Brummen. Sie öffnete die Augen. Mein Gott, was war das? Aus den Augenwinkeln hatte sie so etwas wie ein Licht gesehen. Doch nun war es fort. Eine Täuschung? War das eine seiner kranken Ideen? Sie ging vorsichtig weiter. Das Geräusch schien sich zu nähern. Es kam ihr bekannt vor… Da! Wieder dieses Licht! Zwei-, dreimal hatte sie es gesehen! Ja, sie kannte dieses Geräusch, doch ihr Verstand weigerte sich noch, es wiederzuerkennen. Schwerfällig humpelte sie weiter. Auf einmal fiel es ihr ein! Ein Auto! Das Brummen war das Geräusch eines Motors! Diese Erkenntnis versetzte ihr einen ungeheuren Adrenalinstoß! Halb fallend, halb laufend bewegte sie sich auf das Geräusch zu. Wieder sah sie das Licht, es waren die Scheinwerfer des Wagens. Dort vorne musste es eine Straße geben. „Oh bitte Gott, oder wer immer, hilf mir“, dachte sie. Was, wenn sie die Straße nicht rechtzeitig erreichte? Es war eine einsame Gegend, hier kamen bestimmt nicht viele Wagen vorbei. Laut schluchzend vor Angst und Erschöpfung schleppte sie sich weiter. Nur noch ein kleines Stück… „Oh, bitte!“ Aus dem Wald führte ein kleiner Abhang auf die Straße. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte viel zu viel Schwung und keine Kraft, um ihren Sturz abzufangen. Mit einem ersticktem Schrei stürzte sie auf die Straße – direkt vor den Wagen!  Durch den harten Aufprall verlor die junge Frau auf der Stelle das Bewusstsein. Ihr Kopf knallte voller Wucht gegen die Motorhaube des Wagens und ihr Körper flog im hohen Bogen auf die Straße. Sie blieb bewegungslos liegen. Der Fahrer des Wagens machte eine Vollbremsung und konnte gerade noch rechtzeitig stoppen. Eilig stieg er aus und beugte sich über die leblose Gestalt. Sie hatte eine große Platzwunde am Kopf, die stark blutete. Ihr linkes Bein war gebrochen, der Knochen war zu sehen und auch ihre linke Hand war auf der Stelle angeschwollen und blau angelaufen. Er fühlte ihren Puls. „Zu schwach“, sagte er zu sich selbst. „Sie muss sofort ins Krankenhaus.“ Er lief zu seinem Wagen und suchte sein Handy. Irgendwo musste es doch sein. Als er die Nummer des Notrufes bereits gewählt hatte, merkte er, dass der Empfang nicht ausreichte. Die Verbindung wurde abgebrochen. „Verdammter Mist“, fluchte er. Der Mann sah sich um. Er konnte nicht davon ausgehen, dass hier in der nächsten Zeit ein Auto vorbei kam. Es war eine einsame, verlassene Gegend. Was suchte diese Frau um die Uhrzeit in solch einer Gegend? Es half alles nichts. Er musste sich selbst darum kümmern, die verletzte Frau ins Krankenhaus zu bringen. Zum Glück kannte er sich aus beruflichen Gründen mit der menschlichen Anatomie aus, allerdings waren seine Patienten immer tot. Er arbeitete als Gerichtsmediziner im städtischen Leichenhaus. Der Mann untersuchte sie schnell und sachlich, überzeugte sich davon, dass weiter nichts gebrochen war, und hob die Frau dann vorsichtig hoch. Er trug sie zum Rücksitz seines Randrovers, deckte sie mit seiner Jacke zu und fuhr los. Sie rührte sich nicht, die ganze Fahrt bis zum Krankenhaus blieb sie bewusstlos. Die Fahrt dauerte eine halbe Stunde und er hofft, dass sie keine inneren Blutungen hatte. Schnell stieg er aus dem Wagen und lief in die Notaufnahme. Es dauerte nicht lange, bis zwei Pfleger mit einer Krankentrage am Wagen erschienen, begleitet von einem Arzt. Vorsichtig wurde die junge Frau aus dem Wagen gehoben und auf die Trage gelegt. In diesem Augenblick öffnete sie kurz die Augen. „Wo bin ich?“ Der Arzt griff beruhigend nach ihrer Hand. „Keine Angst, wir werden Ihnen helfen.“ Sie verlor wieder das Bewusstsein und fiel in einen unruhigen Schlaf.  „Ich bin froh, dass du heute Abend Dienst hast und sie untersuchen konntest.“ Der Arzt reichte ihm eine Tasse heißen Kaffee, herrlich, die konnte er gut gebrauchen. Dankend nahm er einen Schluck und spürte, wie die wohlige Wärme langsam in seinen Körper zurück kam. „Sie hatte wirklich Glück, außer der großen Wunde am Kopf und den beiden Brüchen fehlt ihr wohl nichts. Wir müssen aber noch ein paar Ergebnisse abwarten. Ihr Kopf wurde geröntgt, sie hat eine schwere Gehirnerschütterung und erlebt deswegen eine Art Trauma. Das wird aber vorüber gehen, da haben wir gute Aussichten. Sie braucht einfach Ruhe.“ Der behandelnde Arzt sah sich die Röntgenbilder an. „Wie ist dieser Unfall überhaupt passiert?“ Der Arzt sah ihn fragend an und griff nach seinen Zigaretten. „Ich weiß auch nicht, es ging alles so schnell. Ich wollte von der Arbeit nach Hause fahren, war gerade im Waldschutzgebiet, als sie mir vor den Wagen lief. Was heißt lief, sie fiel eher, sie ist wohl den Abgrund runtergefallen, direkt auf die Straße und mir vor den Wagen.“ Der Arzt sah ihn lange an. „Sie sieht ziemlich ungepflegt und fertig aus, als ob sie sich Wochen nicht gewaschen hätte. Die Haare sind total verfilzt und ihre Kleider sind zerrissen und schmutzig. Sie sieht wie eine Obdachlose aus.“ Er stand lange an ihrem Bett und sah sie an. Das schlechte Gewissen plagte ihn, obwohl er an dem Unfall eigentlich keine Schuld hatte. Er war nicht zu schnell gefahren und hatte sie wirklich nicht vorher sehen können. Trotzdem fühlte er sich für sie verantwortlich. Die junge Frau schlief immer noch. Ihr Kopf war verbunden und der Arm, ihr Bein in Gips. Sie tat ihm so leid. Was sollte aus ihr werden, wenn sie das Krankenhaus wieder verlassen konnte? Sie hatte keine Papiere bei sich, keine Handtasche, nichts! Sollte sie wirklich auf der Straße leben? Er stellte sich das schrecklich vor, sie war noch so jung, sah so unschuldig aus. Er schätzte sie auf Mitte 20, vielleicht Anfang 30. Im Schätzen war er noch nie gut gewesen. Plötzlich bewegte sie ihren Kopf, ganz langsam, als ob sie schlimme Schmerzen hätte. Er trat näher an ihr Bett. Die junge Frau öffnete ein klein wenig die Augen. Er versuchte ein Lächeln. „Wie fühlen Sie sich?“ Sie stöhnte leise. „Mein Kopf tut mir so weh, als ob ich gegen eine Wand gelaufen wäre.“ Er lächelte scheu. „Es war sogar noch etwas schlimmer, sie sind vor meinen Wagen gelaufen.“ Sie sah ihn mit großen Augen an. „Wer sind Sie?“ Er reichte ihr seine Hand. „Mein Name ist Darren.“ Er hatte einen leichten Handschlag. Darren zog sich einen Stuhl heran und setzte sich vor ihr Bett. Ohne abzuwarten, dass sie ihren Namen sagte, begann er zu erzählen, was seit dem Unfall geschehen war. Von ihren Untersuchungen, der schweren Gehirnerschütterung und ihrer großen Wunde am Kopf, die genäht wurde. „Sie können bestimmt in zwei, drei Wochen wieder nach Hause. Es tut mir wirklich leid, dass ich Sie angefahren habe, aber glauben Sie mir, ich konnte Sie wirklich nicht vorher sehen. Sie sind mir praktisch vor den Wagen gefallen.“ Er schluckte. Die Frau versuchte ihren Kopf zu drehen, die Schmerzen waren aber zu groß und sie gab schnell auf. „Ich kann mich an überhaupt nichts erinnern. An gar nichts. Mein Kopf schmerzt umso mehr ich nachdenke.“ Darren dachte an die Worte seines Freundes, der das Mädchen untersucht hatte. Die Gedächtnislücken kamen wohl vom Aufprall und der schweren Gehirnerschütterung. „Das ist völlig normal, nach solch einer Kopfverletzung, die Erinnerungen werden sich wieder einstellen.“ Er versuchte sie zu beruhigen. Darren sah auf die Uhr. „Tut mir leid, ich muss auf die Arbeit, es ist schon fast 7 Uhr morgens.“ Sie nickte leicht. „Waren Sie die ganze Nacht bei mir?“ Er bejahte die Frage. „Soll ich jemanden anrufen und Bescheid sagen, dass Sie im Krankenhaus sind?“ Sie überlegte kurz. „Ich weiß nicht, mein Kopf ist so leer, so ohne Erinnerungen, als ob der Aufprall alles zerstört hätte. All meine Gedanken und Erinnerungen.“ Diese Erkenntnis machte sie traurig. Darren gab ihr zum Abschied die Hand. „Haben Sie etwas Geduld, das wird auch wieder anders. Ich werde heute Nachmittag noch mal nach Ihnen sehen.“ Sie wollte nicht, dass er sich dazu verpflichtet fühlte. Wenn der Unfall wirklich so war, wie er es geschildert hatte, gab es keinen Grund, warum er sich so um sie kümmerte und bemühte. „Das brauchen Sie nicht, ich werde das schon schaffen. Sie haben wirklich keinerlei Verpflichtungen mir gegenüber“, sagte sie leise. Er ging zur Tür. „Das sehe ich etwas anders und deshalb werde ich heute nochmal wiederkommen.“ Bevor er die Tür hinter sich schloss, sah er noch einmal zurück. Sie war wieder eingeschlafen.   ·       * * *          Ein Schmetterling im Januarsigridlenz   Die zarten Flügel zitterten der Kälte, dünne Beine hielten sich zitternd auf den eisigen Kristallen.  Hermine Ming trat vorsichtig näher, bemühte sich das Knirschen unter ihren flachen, schwarzen Tretern zu dämpfen, während sie neugierig ihre Brille gerade rückte.  Ein Schmetterling im Januar? Das war ungewöhnlich, um nicht zu sagen merkwürdig, beinahe obszön.  Auf jeden Fall gehörte es sich nicht. In den Winter passten Schnee, Eis, Kälte, Dunkelheit und Stille, während der Sommer mit seinen Farben, Wärme und durch die Luft flatternden Lebewesen erfreuen sollte.  Der Schmetterling erbebte, als sähe er es selbst ein, schrumpfte zusammen, als würde er sich dafür schämen, den Beweis für die Existenz etwas Widernatürlichen anzutreten.  Hermine schüttelte tadelnd den Kopf. Unzweifelhaft musste hier ein Fehler vorliegen, und wenn dieser nicht in ihrer eingeschränkten Wahrnehmung seinen Grund besitzen sollte, dann wäre die Ursache noch weit bedenklicher.  “Verflixtes Fernsehen”, murmelte sie leise in sich hinein, hatte Hermine es sich doch angewöhnt zuerst und vor allem dem Fernsehen die Schuld an allem Übel in der Welt zuzuschreiben. Schließlich wusste man dort und in aller Genauigkeit über jeden Schrecken und jedes Grauen, das sich ereignete, Bescheid und verbreitete die Botschaft mit intensiver Schadenfreude.  Gäbe es nicht hin und wieder eine Musiksendung, welche Seele und Herz gleichermaßen erwärmten, so hätte Hermine den schwarzen Kasten, gesetzt den Fall, sie wäre in der Lage, die Kraft dazu aufzubringen, schon vor langer Zeit als ein Werk des Teufels aus dem Fenster des ersten Stockes, in dem ihre Wohnung lag, geworfen.  Welche technisch Errungenschaft wäre wohl besser in der Lage dazu, die Wirklichkeit zu verzerren, die seit Ewigkeiten etablierten Gegebenheiten umzudrehen und durcheinander zu mischen, bis etwas wie Schmetterlinge im Winter die altbewährten Regeln zerstörten, das Unterste zuoberst kehrten, den Menschen den vertrauten Boden unter den Füßen wegzogen. Nein, unmöglich konnte Hermine solch einen Irrwitz dulden.  Die orangen Flügel vibrierten, zarter noch als jedes Blütenblatt, als sie sich dem Insekt näherte, ihre Hand nach ihm ausstreckte. “Ooooh, ein Schmetterling!”  Ein kleines Mädchen mit fliegenden Zöpfen rutschte, schlitterte mehr, als es lief, auf Hermine zu und sank staunend neben ihr auf die Knie.  “Ein Wunder”, verkündete es strahlend und sah voller Vertrauen zu der alten Frau hoch.  “Ein Wunder und ein Geschenk des Lebens.”  Hermine Ming lächelte zum ersten Mal an diesem trüben Januartag. Ein Geschenk vielleicht. Keine Abnormität, keine Warnung, kein Vorbote eines drohenden Klimawandels, nein, ein Geschenk in den Augen des Kindes. Vielleicht würde es Recht behalten…  * * *          Eine ganz normale Familiesigridlenz   “Igittigitt! Da sind ja Stückchen drin!”Stefan brüllte aus voller Kehle. “Das trink ich nicht, das trink ich nicht!”  Die Mutter, ein Ausbund an Geduld und liebevoller Fürsorge entfernte sanft das soeben zubereitete Glas Bananenmilch aus des geliebten Sohnes Blickfeld.  “Ich habe Hunger”, plärrte die kreischende Stimme des Sprösslings lautstark.  “Was möchtest du denn, mein Schatz?” Ein stetes Lächeln auf den Lippen, beugte Elvira sich zu dem kleinen Rotschopf hinab, der zwischen Fernseher und Playstation noch Platz genug fand, zahllose winzige, kaum noch mit der Lupe erkennbare Lego Kleinteile in regelmäßigen Abständen zwischen den langen Haaren des Eisbärimitates zu verteilen.  “Chips natürlich”, die prompte Antwort. “Chips und Cola, aber ein bisschen plötzlich.” “Meinst du nicht, das wäre ein wenig ungesund für dich, auf die Dauer…“Die gute Frau zögerte. “Denk nur an dein Wachstum, das Calcium, die…” “Ach, du hast doch keine Ahnung”, erklärte Stefan missmutig. “Papa sagt das auch immer.”  “Ja, wenn Papa das sagt…”  Elvira seufzte leise in sich hinein, sorgsam darauf bedacht, das zuckersüße Lächeln, das sie gewohnt war, zu tragen, beizubehalten. Wenn sie nicht genau gewusst hätte, dass ihr Söhnchen sich ausnehmend prächtig entwickelte und geradezu vorbildlich wuchs und gedieh, möglicherweise wären ihr doch hin und wieder Zweifel an dem Benehmen ihres einzigen und Erstgeborenen gekommen. Doch so wie es war, so sollte es auch sein. Genau das hatte man ihr mehrfach aus erfahrener, übergeordneter Höhe heraus versichert. Kinder brauchten Freiraum, um sich entwickeln zu können. Grenzen schränkten die Kreativität, das empfindliche Gemüt eines Heranwachsenden in geradezu gefährlichem Maße ein. Elvira nickte stumm, als sie sich die Worte und strengen Gesichter ihrer Eltern und Schwiegereltern ins Gedächtnis rief. Wenn jemand wissen musst, wie die Welt funktionierte, so waren sie es, hatten sie doch gemeinsam bereits mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel.  “Wird’s bald?”, krähte der Sprössling aus dem Hintergrund, als Elvira Kartoffelchips und Limonade auf einem Tablett anrichtete.  “Ich komme schon, mein Süßer”, flötete sie mild und beugte sich, nachdem sie das Tablett auf dem niedrigen Couchtisch abgestellt hatte, natürlich ohne ihrem Kleinen die Sicht auf den Monitor zu versperren, hinunter zu ihm, um ein Küsschen auf der frischen, rosigen Wange des Sohnemannes zu platzieren.  Rumms! Das Tablett flog zu Boden, die Limonade ergoss sich über die knusprigen Chips, die sich munter mit buntem Spielzeug vermischten.  “Ich hab Cola gesagt, verdammt und zugenäht”, schrie Stefan erbost.  “Ich… wir haben keines mehr, Schätzchen. Aber ich verspreche dir, gleich morgen früh, werde ich Neues besorgen.”  “Ich will aber jetzt!” Wütend stampfte das Kind mit dem Fuß auf. “Ich will, ich will, ich will.”  “Aber…” “Was herrschte denn hier für ein Geschrei?” Ärgerlich erhob der Vater die Stimme, als er sich anschickte, die Treppen hinunter zu poltern. “Sieht denn keiner ein, dass ich arbeiten muss. Was ist das für ein Saftladen hier?”  “Saftladen, Saftladen”, feixte Stefan.  “Ist schon gut, Herzblatt.” Elviras Stimme zitterte. “Reg dich bitte nicht auf, Lieber. Ich hole nur schnell Stefan sein Cola.”  “Nun gut”, brummte es von oben, bereits im Zurückweichen, doch der Herr des Hauses besann sich im letzten Moment noch eines Besseren. “Vergiss nicht, für genug Bier zu sorgen!”, kommandierte das selbsterklärte Familienoberhaupt aus seiner stolzen Höhe. “Wenn ich heute abend nichts Ordentliches zu schlucken kriege, werd ich ungemütlich.” “Aber natürlich, Eberhard. Ich werde es nicht vergessen.” Langsam zog Elvira ihren Mantel an, schlüpfte in die Schuhe.  “Das hoff ich doch, wäre nicht das erste Mal, dass man dich erinnern muss”, tönte es ihr hinterher, noch während die Tür sachte zuschlug. Zu sachte eigentlich, zu leise. Eigentlich hätte Elvira sich ein anderes, klareres Zeichen gewünscht für diesen Augenblick, in dem sich alles verändern würde, für diesen einen Moment, in dem sie das Haus verlassen, und wissen würde, dass sie nie wieder zurückkehrte, nie wieder.   * * *         Familienbandesigridlenz   “Es ist ein Brief von Uroma!” Herbert blickte verdutzt auf den Umschlag. “Wieso sollte sie uns schreiben?” Anne stellte sich hinter ihm auf die Zehenspitzen. “Ich meine, sie wohnt zwei Straßen weiter. Wieso sollte sie…”  “Versteh ich auch nicht.” Herbert schüttelte den Kopf und riss den Brief entschlossen auf.  Anne schrumpfte sichtlich. Die Folge einer bösen Vorahnung wie es schien, denn als sich zuerst die eine, dann die andere Augenbraue ihres Mannes hob, maß sie mindestens zwei Zentimeter weniger.  “Das verstehe ich schon gar nicht”, brummte Herbert und blickte schließlich auf, drehte sich, und musterte seine Angetraute mit gestrengem Blick. “Was soll das heißen, wir hätten meine Eltern ausgeladen? Davon weiß ich gar nichts. Und überhaupt…” Er starrte erneut auf den weißen Bogen Papieres, dessen schnörkelig aufgemalte Buchstaben vor Annes Augen zu tanzen begannen. Wieder schüttelte er seinen Kopf. “Das darf doch wohl nicht wahr sein! Und wieso kommt sie uns damit… um Himmels willen, die Frau ist 95 Jahre alt.”  Anne zuckte zaghaft mit ihren Schultern. “Offensichtlich haben deine Eltern…”  “Meine Eltern?” Herbert fuhr herum. “Wieso immer meine Eltern. Soweit ich weiß lieben deine Eltern Uromi heiß und innig. Und wenn es darum geht Gerüchte in die Welt zu setzen und Geschichten zu verdrehen…”  “Meine Eltern haben noch nie ein Gerücht in die Welt gesetzt.” Annes Gesicht lief flammend rot an. “Das liegt überhaupt nicht in ihrer Natur. Meine Eltern sind zutiefst anständige Leute. Niemals würden sie…”  “Ja, ja… ist ja schon gut.” Herbert versenkte sich wieder in den Brief. “Also, wieso, zum Teufel, beschwert sich Uroma darüber, dass wir die Eltern ausgeladen hätten… ich meine, wir haben sie doch noch nicht einmal eingeladen… oder doch?”  “Nun…”Anne trat von einem Fuß auf den anderen. “Irgendwie hatte ich doch… damals an deinem Geburtstag…doch dann… “ “Was, ich versteh nicht?” “Also”, Anne schluckte. “Nach dem zweiten Gläschen ist mir irgendwie der Vorschlag rausgerutscht, dass doch alle meinen Geburtstag hier bei uns feiern könnten…” “Wie bitte. Wieso weiß ich davon gar nichts.”  “Nun, ähm…”Annes Augenlider flatterten. “Du erinnerst dich an die Feier zu Tante Gertruds Namenstag?” “Ja?” Herbert blickte skeptisch. Annes Haltung versteifte sich. “Und dass deine Eltern ihren Hochzeitstag nur eine Woche später feiern wollten?” “Hm.” “Sie haben uns nicht eingeladen.” “Aha. Aber das tun sie doch nie.”  “Aber diesmal hatte ich fest damit gerechnet.” “Ach so.” “Das ließ für mich nur einen Schluss zu, und du, als mein Mann, wirst das verstehen.” “Ich… äh…” “Es ist wegen mir!” Anne begann zu schluchzen. “Sie haben mich nie akzeptiert. Das ist der Beweis.” “Ja aber.” Herberts Räder in seinem Kopf arbeiteten heftig. “Was hat das mit diesem Brief zu tun?”  Anne blickte unglücklich aus dem Fenster bevor sie leise zugab: “Als ich letzte Woche bei Mama war… da ist mir vielleicht das ein oder andere herausgerutscht… und ich… vielleicht habe ich erwähnt, dass ich gar keine Lust mehr hätte zu feiern…”  “Das ist doch…” Herbert kratzte sich den lichter werdenden Schopf. “Du meinst also nicht, dass deine Mutter an Uromi den Gedanken weitergegeben haben könnte, du wolltest womöglich meine Eltern ausladen?”  Anne zögerte. “Meinst du, sie würden so kompliziert denken?”  Herbert grinste. “Na, von irgendwem musst du es doch haben!” Und damit nahm er sie fest in den Arm und drückte seiner Frau einen dicken Kuss auf die Stirn.   * * *           Frau Klein und die dunkle Jahreszeitsigrid lenz   Frau Klein wunderte sich oft und außerordentlich. Sie wunderte sich manchmal sogar mehr, als sie es gewohnt war. Und Frau Klein wunderte sich häufig, im Grunde war es das Einzige, was sie hingebungsvoll und wiederholt tat. Ihrer eigenen Ansicht nach, handelte es sich dabei um eine Fähigkeit, die der Menschheit in zunehmendem Maße verloren ging, doch welche durchaus unerlässlich war, um sich einen wachen Geist und damit die innere Jugend zu erhalten. Auch konnte es nicht schaden, sich mehrfach über ein und dasselbe Geschehen zu wundern, so wie über das alljährlich wieder auftretende Phänomen der urplötzlich hereinbrechenden Dunkelheit, die unmittelbar und vollkommen ohne jede Vorwarnung auf die langen und angenehmen Sommerabende zu folgen schien.  Doch trotz ihres großen Erstaunens ließ sich nicht leugnen, dass der Herbst auch in diesem Jahr wieder Einzug hielt, dass die Tage kürzer und kälter, die Bäume kahler, die Welt ein Stück grauer wurde.  Frau Klein seufzte.  Überhaupt nahm die Anzahl ihrer Seufzer mit Beginn dieser Jahreszeit deutlich zu. Das war einmal anders gewesen, damals, als sie noch eine Familie um sich gehabt hatte, als jeder Herbst angefüllt war mit Gemütlichkeit, Kerzenschein und den hektischen Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest, welches Frau Klein gewohnt gewesen war mit dem Auftauchen der ersten Lebkuchen in den Supermärkten, gewissenhaft einzuläuten.  Doch nun war alles anders. Sie wanderte durch die hektisch – schmutzigen, noch ungeschmückten Straßen, spürte, wie sie Schritt für Schritt tiefer sank, in der wachsenden Menge unterging. Denn dass nicht nur die Menge wuchs, sondern auch die Bestandteile, aus der sie sich zusammensetzte, war ein weiteres Phänomen, über das Frau Klein nicht aufhören konnte, sich zu wundern.        Schien sie doch Jahr für Jahr selbst zu schrumpfen, während die Menschen um sie herum zweifellos immer größer wurden, zu groß, um sie noch wahrnehmen zu können, selbst, wenn sie es noch gewollt hätte.  Junge Männer, deren Köpfe in den Himmel ragten, schlanke Frauen, die ihre Länge unverständlicherweise auch noch betonten, indem sie auf gefährlich schmalen Stiletto – Absätzen balancierten, selbst die Kinder schienen auf sie herabzusehen aus der stolzen Höhe ihrer modernen und funktionstüchtigen Transportmittel, ob getragen, geschoben, oder im Thronsitz ihrer glänzend, metallenen Fahrräder, die sich, während halsbrecherisch, artistischer Meisterleistungen, durch die Gefahren des Großstadtverkehrs schlängelten. Doch eigentlich war es alles andere als merkwürdig, eigentlich trug das Phänomen doch seine eigene, unmissverständliche Logik in sich selbst. Natürlich wuchs die Welt um Frau Klein herum in absurde Richtungen, nahm unsinnige Formen und Gestalten an, suchte Wege, die nicht die Ihren waren.  Nicht die Ihren, da sie nicht wahrhaftig, nicht ehrlich, da sie leer und hohl und fern, weit von jeder Wirklichkeit, weit von den Wünschen verliefen, die jeder Mensch tief in sich trug, doch im Rausch der vorbeifliegenden Zeit vergaß.  Weit davon entfernt, worauf es ankam, von dem Ursprung, der winzig, der beinahe unsichtbar, sich in der Sicherheit, die sich ihm bot, versteckte.Wege, die in die Irre führten, die das Kind, das sich durch neues, unerprobtes Territorium kämpfte, von seinem Ziel ablenkten.  Doch nun nicht mehr  Frau Klein lächelte, als eine vereinzelte Schneeflocke sich keck auf ihre Nase setzte. Es war nicht mehr nötig, sich zu wundern, gab keinen Grund mehr für ihre Seufzer. Sie wusste es besser.  Die Wahrheit liegt im Kleinen, die Erkenntnis dort, wo andere nicht hinsehen können, dort, wo  sie niemand erwartet, in dem winzigen Funken, der im Herzen brennt.   * * *        Hochmut kommt vor dem Fallsigridlenz   Hochmut kommt vor dem Fall. Das hätte er sich auch vorher denken können. Da hatte er sein Leben im Dienste der Allgemeinheit verbracht, und nun war das die Quittung. Eingesperrt, bloßgestellt, einer Öffentlichkeit zur Belustigung preisgegeben. Objekt eines verachtenswerten Schauspieles, das kein Erbarmen, keine Gnade, kein Gefühl kannte.  Sein Leben hatte er der Gemeinschaft der menschlichen Lebensformen gewidmet, all den lebenden, atmenden Wesen, die sich nicht selbst verteidigen, denen es nicht gegeben war, für ihre Rechte selbst einzutreten. All sein Wissen, all sein Können hatte er denen zur Verfügung gestellt, die darauf angewiesen  schienen. Doch nun das! So dankten sie es ihm, diese Schmarotzer, diese Faulenzer in ihren Wohnzimmersesseln.  Selbst seine eigene Familie, seine Freunde, die wenigen, die er noch nicht vergrault hatte mit seinen Ausbrüchen, seinen Launen, seiner Egomanie, die sich noch nicht von ihm losgesagt hatten, sie alle standen nun auf der anderen Seite der Glasscheibe, getrennt von seiner Welt. Und doch hatten sie ihn von sich gestoßen, hatten sich dafür ausgesprochen, dass er sich dieser Farce unterziehen, dass er in diesem Zirkus der Lächerlichkeiten den Clown gäbe.  Nichts von all dem, was er durchgemacht hatte, weder seine Scheidung, seine durchlittenen Krankheiten, Verletzungen, demütigenden Entlassungen, Beschimpfungen, unmenschlichen Qualen, Schmerzen, die seine Existenz ihm aufgebürdet hatten, nichts davon war vergleichbar mit den Peinlichkeiten, die er nun zu erdulden hatte… er allein… im Scheinwerferlicht. Den Blicken der Kritiker ausgesetzt, die jeden Grund hatten, ihn in das tiefste aller Verliese zu werfen, ihn und seinen Lebenswandel zu verurteilen, zu verachten, ja, zu bestrafen.  Und doch, was sollte man ihm vorwerfen? Was anders, als sein Bestes gegeben zu haben, nach Wissen und Gewissen, dem Publikum zu geben, was das Publikum sich ersehnte.  Dem Publikum, das sich nichts mehr wünschte, als jemanden vor sich zu sehen, der ihm die Last des Denkens von den Schultern, die Last der Unterhaltung aus den Händen nahm.  Jemanden, der für sie tanzte, lachte, selbst wenn es ihm selbst nach Weinen zumute war, jemanden, der für sie sang und kasperte, obwohl er eine Vergangenheit mit sich trug, ein Leben als Journalist, als Reporter, der im Herzen des Hurricans seinen Mann gestanden, den Widrigkeiten des Schicksals stets getrotzt hatte. In all diesen harten Jahrzehnten war ihm ein Wissen, eine Erfahrung zu eigen geworden, die mehr, unendlich viel mehr bedeutete, die von Natur aus höher eingeschätzt werden müsste, als das, womit er nun seine Brötchen verdiente, selbst wenn diese nun mit Lachs und Kaviar serviert wurden. Und doch fragte er sich manchmal, bevor er das Glas teuren Champagners an seine Lippen hob, ob er sich nicht doch unter Wert verkaufte, jedesmal, an jedem Abend, den er damit verbrachte, seine komische Vorstellung abzuliefern, die eines Moderators einer klassisch – neckisch niedlichen, traditionell hoch geschätzten und die Herzen höher schlagen lassenden Show der wunderbaren Volksmusik.  * * *           Illusionsigridlenz   Was hatte denn das zu bedeuten?Ein Indianer inmitten der Fußgängerzone? Hier? Im tiefsten Bayern? Im finstersten Hinterlande? Gertrude schüttelte skeptisch ihren Kopf und erschrak gleich darauf. Nein, natürlich kein Indianer, wie konnte sie nur? Es handelte sich selbstverständlich um einen Amerikanischen Ureinwohner, so verbesserte sie sich rasch selbst in Gedanken. Schließlich konnte es nicht angehen, dass die zahlreichen Vorträge ihrer Enkelin über politisch korrekte Formulierungen und Ausdrücke, die ihr zwar geläufig, jedoch im neuen Jahrtausend als absolut verpönt galten, umsonst gewesen sein sollten. Gertrude hatte sich geschworen, nachdem sie zum wiederholten Male in ein unverzeihliches Fettnäpfchen getreten war, dass ihr ein sprachlicher Faux Pax dieser Art nie wieder unterlaufen würde, zumindest nicht, solange ihre Enkelin, sich in der Nähe befand.  Gertrudes Blick wanderte an der langen Gestalt vor ihr hinauf. Natürlich konnte es sich auch hier ohne Weiteres um nichts Anderes, als eine schlichte Illusion handeln.  Es wäre sogar die aller einfachste Erklärung schlechthin. Gertrude legte den Kopf in den Nacken, betrachtete die langen, glänzenden Haare, die Federn, die kunstvoll hineingewoben, einen aufregenden Kontrast zu den blauschwarzen Strähnen bildeten, die majestätisch von dem hoch erhobenen, stolzen Haupt hinab wallten. Sie nahm das weiche, hellbraune Leder wahr, das sich an die bronzene Haut schmiegte, die eingeflochtenen, türkis farbenen Perlen, die Ketten, an denen elfenbeinerne Zähne und Knochen baumelten. Ein Bild aus einer anderen Welt, eine Gestalt, direkt einem Wildwestfilm oder einem Comic Buch entsprungen. Ein Krieger, ein Held, wert den Buchdeckel eines fesselnden Karl May Romanes zu zieren. Gertrude erschauerte innerlich. Wie lange mochte es her sein, dass sie davon geträumt hatte, Seite an Seite bunt geschmückter, muskulöser Freiheitskämpfer über die Prairie zu reiten, abendlich dem Knistern des Lagerfeuers, dem entfernten Heulen der Kojoten zu lauschen, die von überstandenen Gefahren und Abenteuern sangen. Zu lange.  Gertrude streckte zögernd eine Hand aus. Sie musste es wissen, musste sich vergewissern, dass sie nicht träumte, dass Wirklichkeit war, was sie zu sehen glaubte.  “He… sonst geht’s gut?” Die stolzen Augen des Kriegers flackerten empört.  Gertrude murmelte verschämt ein paar Worte der Entschuldigung, während sie den abgerissenen Knopf in den Fingern drehte.  “Is scho recht.” Der wackere Mann lächelte milde. “Der hing auch wirklich nur noch an einem Faden. Wenn meine Frau nur besser nähen könnte…”  “Dann sind sie nicht?”  “Was… echt?” Der Krieger lachte, dass sein Kopfschmuck wackelte, doch wurde mit einem Mal wieder ernst. “Doch, das bin ich durchaus. Hier drinnen.”  Er schlug sich mit der Faust gegen die Brust. “Möchten sie unser Lager sehen? Unsere Tipis sind nicht weit von hier, und jeder ist willkommen. Mitaku Oyasin. Wir sind alle eins.”  “Ja.” Gertrude nickte. “Das würde ich wirklich gerne sehen.”   * * *          Klein und Grünsigridlenz   Das kleine, grüne Männchen sah Frau Schmidtchen verdutzt an. “Was soll das heißen – habe ich Sie etwa richtig verstanden? Sie lehnen unser Angebot einfach ab?” “Nun ja.” Frau Schmidtchen trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. “Ich glaube irgendwie, dass ich zu alt bin, zumindest für eine Unternehmung dieser Größenordnung. Meine besten Jahre liegen schließlich bereits hinter mir, ganz zu schweigen von der Fähigkeit mich gewissermaßen fort zupflanzen …   Sie wissen schon…”  Die dünne Gestalt blickte entmutigt zu Boden, ihre Gesichtsfarbe begann ins Violette zu spiegeln, als sie schließlich weitersprach.  “Lassen Sie das doch getrost unsere Sorge sein, liebe Frau Schmidtchen. Auf dem Gebiet der Forschung und gerade dem der medizinischen Entwicklung sind wir euch Erdlingen tatsächlich um ein Vielfaches voraus. Sie würden nicht für möglich halten, was gerade innerhalb der letzten Jahre…”  “Aber warum denn gerade ich?”, rief Frau Schmidtchen und verdrehte ihre Augen hilfesuchend gen Himmel. “Ich bin gerade in Rente gegangen, habe mich auf einen ruhigen, entspannten Lebensabend eingestellt… und nun das!”  Die schmalen, kaum vorhandenen Lippen in dem ballonartigen, nach unten seltsam spitz zulaufenden Kopf, verzogen sich zu einem, offensichtlich freundlich gemeinten Lächeln.  “Es hat selbstverständlich seinen Grund, dass wir Sie ausgewählt haben. Sie besitzen alle Voraussetzungen, welche die zukünftige Begründerin einer neuen Generation auszeichnen sollten.”  Frau Schmidtchen reagierte mit einem verzweifelten Kopfschütteln. “Ich bin bis jetzt immer erfolgreich dem starken Geschlecht aus dem Weg gegangen. Die Vorstellung eines nörgelnden Ehemannes oder zeternder Kinder, die an meinem Rockzipfel hängen, hat mich stets zutiefst erschreckt.”  “Aber diesmal ist es anders”, beruhigte sie der kleine Außerirdische. “Denken Sie an die Vorteile, die beispielsweise eine Bienenkönigin genießt. Ihre Gene sind unendlich wertvoll für uns, ein Geschenk, für das wir Sie auf Händen tragen werden.”  “Aber ihre Heimat”, gab Frau Schmidt zu bedenken. “Brodelnde Vulkane, Schwefel in der Luft, rosafarbene Sonnen?”  “Da gewöhnt man sich dran”, beschwichtigte sie das Männchen. “Glauben Sie mir, zu Beginn waren wir alle skeptisch.”  “Also ich weiß nicht…” Frau Schmidt zögerte immer noch.  “Nun!” Der Kleine legte seinen Kopf schief. “Bedenken Sie doch die Alternative!” Frau Schmidt sah sich um. Ein achtlos vorbeibrausendes Auto hüllte sie in eine graue Abgaswolke, aus den Schornsteinen quoll der Rauch, der es unmöglich machte über die Dächer der lieblos nebeneinander aufgereihten Häuser hinwegzusehen.  Sie schluckte.  “Also gut, abgemacht!”  Und mit festem Schritt bestieg sie eine ausgefahrene, silbern schimmernde Rampe, die direkt in das Innere der gelandeten Untertasse führte, deren geschmackvoll aufgereihte, bunte Lichter ein aufgeregtes Willkommen blinkten.   * * *         Gottesanbeterin sucht Honigkuchenpferdsigridlenz   Eigentlich hatte Semira ihre Enkel für verrückt erklärt.Ihr einfach so, aus heiterem Himmel einen Computer zu schenken! Was sollte eine Frau in ihrem Alter auch mit einem derart neuartigen, seelenlosen Gebilde anfangen? Sicher – die Tastatur beherrschte sie seit ihrer Lehrzeit. Auch die Grundbegriffe in der Handhabung hatte sie sich abgeschaut. Doch für eine Exkursion in das vielgepriesene, segensreiche Internet, wie die begeisterten Nachkommen es ihr mit glühenden Worten zu schildern wussten, nein, darin hatte sie keinerlei Sinn, nicht den geringsten Grund gesehen.  Und doch geschah das Einzige, was sie stets bemüht war, zu vermeiden.Tief in ihr wuchs ganz langsam und dennoch stetig, die Überzeugung, in nicht allzu ferner Zukunft zugeben zu müssen, dass sie im Unrecht gewesen war. Die bunte Welt, die ihr so tröstlich aus dem flachen Bildschirm entgegen schimmerte, sie stellte sich von Tag zu Tag verlockender und umfangreicher dar, bot Unterhaltung und Abwechslung, Gesellschaft und Geborgenheit, in weitaus stärkerem Maße, als es ein Fernseher jemals ermöglichen würde.  Nicht, dass es vollkommen ungefährlich gewesen wäre, ganz im Gegenteil. Semira bemerkte eine seltsame, beinahe beängstigende Veränderung an sich. Die schillernde Online Welt fing an, sie mehr und mehr in ihren Bann zu ziehen, streckte ihre gierigen Klauen nach ihr aus, selbst wenn sie ihren gewöhnlichen, alltäglichen Pflichten wie stets gewissenhaft nachging.  Das sorgfältige Schreiben ausgewählter Briefe begann sie ebenso zu vernachlässigen wie die regelmäßigen Besuche bei ihrem Friseur, die ihr den notwendigen Schick verleihen sollten, die Visiten im anliegenden Haut-und Nagelpflege Studio, sowie in der kleinen Boutique, die ihr gewährleistete, immer noch als die perfekte, wie aus dem Ei gepellte Erscheinung zu gelten, als die sie gewohnt war, sich zu geben.  Einmal ertappte sie sich sogar dabei, eine ihrer widerspenstig gekräuselten Haarsträhnen, die sich aus der strengen Frisur gelöst haben musste, zurück zu streichen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, die Positionen ihrer Haarnadeln einer Generalüberholung zu unterziehen. Eine schier unverzeihliche Nachlässigkeit.  Und doch konnte sie nicht anders, blieb ihr Geist verknüpft mit diesem unscheinbaren, grauen Kasten, der sich so geschmacklos in ihrer mit entzückendem Nippes dekorierten Wohnung ausmachte. Um ehrlich zu sein, war es allerdings nicht der Kasten allein, auch nicht die bunte Online Welt, die sie, selbst während ihres kurzen Ausfluges zum Bäcker nebenan, gefangen hielt. Nein, es waren die reizenden Dialoge, die sie dort, in der virtuellen Phantasiewelt mit einem körperlosen, doch äußerst wohlerzogenen Herrn führte. Es waren die stundenlangen Gespräche über Literatur, klassische Musik und sogar über gewagte, regelrecht anzügliche Gemälde oder Kunstwerke. Beispielsweise seien die Skulpturen Rodins, die Darstellungen Gustav Klimts erwähnt, die eine Frau wie Semira eigentlich nur mit niedergeschlagenen Lidern und unter leichtem Erröten zu betrachten pflegte, ganz zu schweigen von gewissen Ausflügen in Bereiche der Poesie, die ihr bislang verschlossen geblieben waren.  Doch in dieser freien Welt, mit diesem netten Konversationspartner wagte Semira es tatsächlich, von Zeit zu Zeit, aus sich herauszugehen, wagte es, auf einen kleinen frivolen Scherz, eine Bemerkung, welche die Intentionen eines Salvatore Dalis, eines Toulouse Lautrecs in Frage stellte, flink und wortgewand einzugehen.  Unglücklicherweise lenkten diese neu erworbenen Entdeckungen in einem Ausmaße von der Wirklichkeit ab, mit der Semira gezwungen blieb zurechtzukommen, dass sie doch tatsächlich ihr Wechselgeld auf der Theke liegen ließ, und erst auf den wiederholten Anruf des weiß bemützten Bäckers hin, ihre Schritte zu ihm zurück lenkte. “Bitte sehr.Meine Verehrung, gnädige Frau.” Der Schalk saß in den dunklen Augen, als ein breites Grinsen sich über sein durch Wind, Wetter und überstandene Jahre geprägtes Gesicht ausbreitete. Er grinste wie… wie ein köstliches, süßes Honigkuchenpferd, das nichts lieber tun würde, als sich seinen duftenden, braunen Kopf abbeißen zu lassen. Semira lächelte zurück. Und mit einem Mal war sie sich sicher, wusste, dass er es sein musste, dass er das Opfer war, der Freund, der Partner für ihre Gottesanbeterin.   * * *          Anfangsigridlenz   Am aufregendsten war es eigentlich, bevor es so richtig begann. Die versteckten Momente, in denen die Phantasie anfing kleine Streiche zu spielen, in denen es im Magen so angenehm kribbelte, der Blutdruck stieg; bei einem unverhofften Blick, vielleicht einer kleinen Berührung, das Gesicht errötete, diese Momente waren für Frederike am kostbarsten. Sie wusste, wie schnell sie vorbeigingen, wie schnell der Reiz des Neuen verflogen sein konnte, und von Langeweile und dem gewohnten Gefühl des Überdrusses ersetzt wurde, denn schließlich, letztendlich, endete es immer auf diese Weise.Vielleicht war sie zu praktisch veranlagt, zu realistisch, einfach zu wenig romantisch, oder auch zu kalt. Zumindest war ihr das oft genug vorgeworfen worden, wenn sie ihrem Gegenüber auf ihre eigene, direkte Art dabei war darzulegen, dass es keinen Sinn mehr mit ihnen hatte. Dass sie weitergehen mussten, und nicht zurücksehen. Nicht, dass es ihr so leicht fallen würde, wie die meisten wohl glaubten, aber wenn sie das Problem erkannt hatte, gab es nun mal keinen anderen Weg um es zu lösen, und doch war sie jedes Mal wieder überrascht, wenn ihr Liebhaber – denn eine Beziehung, die die Bezeichnung ‘Lebensgefährte’ auch nur annähernd verdienen würde, konnte sie sich nicht erinnern, jemals geführt zu haben – , wenn ihr Liebhaber sich von dieser Auffassung überrascht, oder sogar verletzt gezeigt hatte. Also hatte sie schon vor langer Zeit beschlossen, die Romantik in ihrem Leben auf die kurzen Augenblicke vor dem Anbahnen einer Beziehung zu beschränken. Nach dem ersten Date, dem ersten Kuss blieb ohnehin kaum noch Raum in ihren Gedanken, geschweige denn Zeit für Phantasien, dafür sorgte allein ihr Job ausreichend. Kenny war süß, ein Junge zwar, aber er war nett und witzig, zumindest ihrer Meinung nach. Außerdem war er gut in seinem Fach, und so hatten sie von Anfang an einem gemeinsamen Nenner. Es gab genügend Probleme zu besprechen, Situationen zu planen und Schwierigkeiten zu beseitigen, so dass sie froh sein konnte jemanden mit Kompetenz an ihrer Seite zu haben. Natürlich war ihr alter Kollege Heinrich bereits seit einer Weile nicht mehr gut auf sie zu sprechen, er fühlte sich übergangen, und hatte sie mehr als einmal versucht auf offensichtliche Unzulänglichkeiten Kennys hinzuweisen. Frederike verzog das Gesicht und fing einen finsteren Blick auf. Natürlich, Heinrich beobachtete sie mit Argusaugen, bereit sie auf jeden Fehler des neuen Mitarbeiters hinzuweisen. Sie schüttelte den Gedanken ab, öffnete eine neue Datei, kopierte die gesuchten Daten und seufzte. Wahrscheinlich war sie wirklich ferienreif. Alles begann ihr auf die Nerven zu gehen, vor allem Heinrich mit seiner ständigen schlechten Laune. Natürlich wusste sie, woran es lag; Er mochte sie eben. Vermutlich -  nein, ganz sicher sogar -  war es mehr als das. Doch damit wollte sie sich  wirklich nicht auseinander setzen. Ohnehin war es vollkommen ausgeschlossen, eine langjährige gute Freundschaft durch eine Dummheit zu gefährden, dafür war sie zu bei weitem zu nüchtern. Sie hatte genug mitbekommen von anderen Beziehungen am Arbeitsplatz, die katastrophale Wege eingeschlagen hatten, die Gerüchteküche hörte gerade in diesem Bereich nicht auf zu brodeln. Kein Weg führte zu so einer Beziehung, das war ihr klar. In ihrem Nacken begann es plötzlich zu kribbeln. Ohne nachzudenken drehte sie sich um und starrte in Kennys grinsendes Gesicht. “Was? ” stieß sie unfreundlich hervor. “Nur die Akten, die du wolltest “ Kenny nickte ihr ungerührt zu und ging zu seinem Platz zurück, ohne sich umzusehen. Er wusste auch, wann er besser nichts sagen sollte. Frederike ergriff die obenauf liegende Akte lächelte in sich hinein. Der Anfang war wirklich das Schönste . Sie sollte es genießen, denn besser würde es definitiv nicht werden!  * * *        Mittagessensigridlenz   “Mittagessen?”“Wie?”Simon sah verwirrt von seinem überladenen Schreibtisch auf. Er brauchte einen Moment, um sich von den Akten, die seine gesamte Konzentration in Anspruch genommen hatten, zu lösen. “Mittagessen! In einer Stunde! Du und ich!”Ein amüsierte Funke blitzte in Roberts Augen auf, während sein Gesicht einen unwiderstehlich spitzbübischen Ausdruck annahm. Simon blinzelte irritiert. “Ich hab zu tun.”Robert stützte sich mit den Armen auf Kanten des Tisches und lehnte sich vertraulich nach vorne. “Auch wenn ich dich, solange ich hier arbeite, noch niemals essen gesehen habe, irgendwann wird es sich doch nicht vermeiden lassen.” Simon verdrehte die Augen. Der Junge fing wirklich an ihm auf die Nerven zu gehen. Schön und gut, dass sein Chef für einen Partner gesorgt hatte, obwohl er eigentlich lieber allein arbeitete, aber es war nun wirklich für ihn an der Zeit, zu lernen, kürzer zu treten. Fähige Leute konnten schließlich keinem Unternehmen schaden. Und so grün Robert auch noch hinter den Ohren zu sein schien, es ließ sich doch nicht leugnen, dass er Talent hatte. Um ehrlich zu sein, hatte er sogar  mehr Talent, als Simon ihm jemals zugestanden hätte, mehr, als jeder andere, mit dem er bisher zusammen gearbeitet hatte. Er schien seine Gedanken in Sekundenschnelle zu erfassen, manchmal sogar vorauszuahnen, sie beide befanden sich definitiv auf einer Wellenlänge. Nur, dass Simon zweifellos hin und wieder etwas Freiraum brauchte, und diese Tatsache konnte er ihm einfach nicht verständlich machen. Robert hing an ihm wie eine Klette, und es begann mehr als lästig zu werden, sich ständig Aufgaben für ihn auszudenken, nur damit er für fünf Minuten allein sein konnte, und sei es nur, um einmal durchzuatmen, um sich zu sammeln, zu tun, was er tun musste, um nicht durchzudrehen. “Nein Robert! Kein Mittagessen, kein Abendessen, kein Frühstück! Ich – hab – zu – tun!” Die grünen Augen weiteten sich. Nicht, dass er zum ersten Mal grob mit ihm umgesprungen wäre, aber offensichtlich hatte Robert so einen harschen Ton nicht erwartet. Er ließ die Tischkante los, und wich zurück, die Hände in Abwehr erhoben. “Schon gut, schon gut,” murmelte er, und erinnerte Simon in seiner plötzlich zusammengesunkenen Haltung an einen geprügelten Hund, der sich davon stehlen wollte. Und auf einmal wusste er nicht wie ihm geschah. Die Worte lösten sich ohne sein Dazutun von  seinen Lippen. “Vielleicht ein anderes Mal!” Ungewollt zuckte ein Lächeln um seinen Mund, als er beobachtete, wie der jungenhafte Körper sich straffte, um gewohnt schwungvoll das gläserne Büro hinter sich zu lassen, das er, aller Voraussicht nach in nicht allzu ferner Zukunft mit einem neuen Anliegen wieder aufsuchen würde. Verdammt, wenn das so weiterging, würde er eines nicht allzu fernen Tages noch im angeheiterten Herzen einer Firmenfeier wiederfinden. Oh nein! Simon schüttelte den Kopf. Niemals würde er es so weit kommen lassen. Er grinste selbstsicher, doch als er aufsah, fiel sein Blick auf den unschuldigen Gesichtsausdruck Roberts, der ihm durch die Glasscheibe siegesgewiss zu zwinkerte.    * * *         Liebesigridlenz   Im Grunde war es schon einmal so gewesen. Sie hatten einander gehabt, gehalten, geliebt und ihrer beider Universen hatten nur umeinander gekreist. Und doch war es jetzt anders, besser! Sie hatten Zeit, Zeit füreinander, Zeit für sich selbst, Zeit zum Nachdenken, zum Genießen, Zeit, die ihnen manchmal endlos erschien, aber endlos im guten Sinne.Kein Druck, keine nervenaufreibende Hetze, keine Verantwortung für ihr Schicksal oder für das Schicksal unzähliger Menschen, die sich auf sie verließen. Es war wie Urlaub, wie eine neu entdeckte Freiheit, die nur noch gekrönt wurde durch das Glück ihrer Zweisamkeit. Philip hatte recht gehabt, nur ohne die Arbeit bei der Polizei, ohne den Dienst hatten sie eine Chance auf ein Leben zusammen, und Carla wusste, dass sie niemals wieder darauf verzichten konnte. All der Schrecken, den sie gemeinsam und getrennt durchlebt hatten, hatte sie letztendlich nur stärker gemacht, stärker in ihrer Liebe. Manchmal, wenn sie sich abends auf ihrem Sofa zusammen kuschelten, waren keine Worte nötig. Sie wusste es, und er wusste es. Ihrer beider Leben war erfüllt von Dankbarkeit und Frieden, wie es während der ersten Zeit ihres Zusammenseins niemals hätte möglich sein können. Carla war glücklich, und doch spürte sie, dass es für Philip noch etwas gab, etwas über das er mit ihr nicht sprechen konnte, oder nicht sprechen wollte. Zuerst hatte sie geglaubt, es hätte wieder mit seinem Aufenthalt im Gefängnis zu tun, dass diese Zeit ihn wieder eingeholt hätte, aber es war anders. Er war ruhig, es gab keine Albträume, keine unbewussten Panikattacken, kein Bedürfnis sich dem Alkohol zu ergeben. Er war einfach ab und zu abwesend, nicht im körperlichen Sinne, sondern gedanklich weit fort von ihr. Sie glaubte nicht, dass er den Dienst oder die Aufregung, den Adrenalinstoß dort vermisste, er hatte ihr oft genug gezeigt, dass er dieses Leben nicht brauchte. Anders als sein Freund Christoph. Sie hatten darüber gesprochen, dass es nicht anders hätte laufen können, dass Christoph auf irgendeine Weise früher oder später wieder zurückgekommen wäre. So sehr er dieses Leben auch ablehnen oder darunter leiden mochte, es gab für ihn kein Anderes, die Ereignisse hatten es gezeigt. Das war es wahrscheinlich, was Philip beschäftigte. Sie spürte, dass es mit Christoph zu tun hatte, mit der Ungewissheit was aus ihm geworden war. Aber war es wirklich so ungewiß? Manchmal dachte sie, nein sie fühlte es, dass Philip mehr wusste als sie. Und dass er es ihr nicht sagen konnte. Meistens gelang es ihr diese Gedanken abzuschütteln, es gab gute Gründe für ihr Misstrauen. Zu viele Jahre als Polizistin, zu viele Lügen und Geheimnisse, es war kein Wunder, dass sie hinter jedem nachdenklichen Blick, hinter jedem Schweigen etwas zu vermuten begann. Und doch, sie würde es ihm nicht einmal vorwerfen können, nicht eine Sekunde, sollte er sich ihr offenbaren. Hatte er sich doch letztendlich für sie entschieden, für das Leben mit ihr.Es gab keinen, nicht den geringsten Zweifel, dass Philip sie liebte, ihr vertraute, dass sie der Mittelpunkt seines Lebens war. Sie waren zusammen, in der Mitte ihrer Beziehung, ihres Lebens, ihres Traumes. Ihre Liebe war stabil und unzerstörbar, nichts und niemand würde sie jemals auseinander bringen können. Der Schwur, den sie sich gegenseitig geleistet hatten, er würde ewig halten!   * * *         Endesigridlenz   Greta weigerte sich es zu glauben, es war zu viel für sie. Zu viel war an diesem Tag geschehen, viel zu viel. Der Mann, den sie geglaubt hatte zu lieben, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte, er hatte sich vor ihren Augen verändert. Das war nicht mehr Tobias gewesen, der Tobias, mit dem sie in den letzten Wochen nahezu alles geteilt hatte, der zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Gedanken geworden war. Jemand, der durchaus hart war, der sich in Verhandlungen und auch ansonsten in jeder Lebenslage zu behaupten wusste, aber auch jemand, der sanft und liebevoll sein konnte, und in dem sie das Bedürfnis gespürt hatte bedingungslos zu lieben und geliebt zu werden. Natürlich war auch ihr klar gewesen, dass sie ihn nicht völlig durchschauen konnte, dass er etwas zurückhielt. Aber wer tat das schließlich nicht. Sie war sich sicher gewesen, dass er so offen zu ihr war, wie es ihm mit seiner Geschichte und Vergangenheit nur möglich wäre. Niemals hätte sie vermutet, dass diese Rücksichtslosigkeit, diese Brutalität in ihm verborgen wäre, dass er es wirklich fertig gebracht hätte, sie auf diese Art von sich zu stoßen. Und doch hatte er genau das getan. Ihr eigener Schmerz war zu groß gewesen, um zu erkennen, dass auch er litt, dass es nicht seine freie Entscheidung war, dass er sich gezwungen gesehen hatte, grausam zu sein. Auch wenn sie diese Erkenntnis begann zuzulassen, es konnte ihren Abscheu nicht mildern. Alles in ihr wehrte sich gegen dieses Verhalten, bäumte sich auf gegen dieses Ignorieren jedweder Moral und Ethik, der sie, seit ihrer Kindheit, in ihrem Leben gewohnt war, primäre Bedeutung einzuräumen.  Sie hatte geglaubt, ihm nie wieder in die Augen sehen, nie wieder seinen Anblick oder seine Nähe ertragen zu können. Und nun würde sie ihm nie wieder in die Augen sehen, sie würde ihn nie wieder sehen, nie wieder mit ihm sprechen können. Es war vorbei – endgültig. Es würde niemals eine Chance geben, wenn auch nicht auf Verständnis von ihrer Seite, aber doch vielleicht auf kleine Schritte zur Versöhnung oder wenigstens auf eine Aussprache. Doch nun würde sie niemals wieder seine Stimme hören können, es niemals wieder hören, wenn er ihren Namen flüsterte….! Sie ließ den Kopf auf ihre Knie sinken und ein Schluchzen schüttelte ihren Körper.   * * *          Selbsterkenntnissigridlenz   Herbert Tornstein hatte sich nie die Zeit für eine ausgeprägte Selbstanalyse genommen. Das überließ er den Menschen, die seiner Meinung nach, nichts Besseres zu tun hatten, den Menschen, für deren Sicherheit zu sorgen, er zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte. Außerdem war er davon überzeugt, dass es ihm nicht weiterhelfen würde, sich seiner Gefühle bewusst zu werden, zumindest nicht mehr, als unumgänglich war. Jedesmal, wenn er versucht hatte, auf sein Herz zu hören, wie seine Ex-Frau es damals so poetisch ausgedrückt hatte, war er gescheitert, und zwar in jeder Beziehung. Seine Ehe hatte unschön geendet, seine älteren Kinder wollten ihn nicht sehen, seine jüngeren Kinder wollte er nicht sehen. Es brachte nichts, sich auf diese Dinge einzulassen. Vielleicht hätte er in jungen Jahren noch eine Chance gehabt sich zu öffnen, jemanden wirklich in seinem Leben Eintritt zu gewähren, aber sofern diese Möglichkeit überhaupt jemals bestanden hatte, es war auf jeden Fall schon sehr lange viel zu spät für einen Versuch. Ganz zu schweigen davon, dass er nicht bereit war, die Zeit oder die Energie aufzubringen. Vor allem, seitdem er begonnen hatte, praktisch rund um die Uhr die Verantwortung für die Abteilung zu übernehmen. Dieser Job ließ ihm kaum Zeit zum Atemholen, und genau das war es, was er wollte. Selten traten Dinge ein, die ihn in seiner Haltung erschütterten, die zumindest in seinem Inneren etwas berührten, das imstande war ihn zu verunsichern. Und doch war genau das passiert.  Nicht plötzlich, nicht von einem Tag auf den anderen, nein, es war eher ein schleichendes Gefühl, eine Erkenntnis, die sich langsam, geduldig, Schritt für Schritt vorarbeitete. Nicht, dass er Selma Wittig von Anfang an besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Sie war ihm eher etwas blass und unscheinbar vorgekommen, viel zu abhängig von ihrem Vater, dem Polizeichef, aber im Lauf der Zeit hatte sich sein Bild von ihr verändert. Zuerst schien ihm ihre Beziehung mit dem Leiter des Außendienstes mehr als eigenartig, schon als er zum ersten Mal von ihr gehört hatte, war ihm klar, dass Welten zwischen diesen beiden Menschen lagen. Egal was dieser Mann sich gedacht haben mochte, er musste doch gewusst haben, dass auf lange Sicht keine Zukunft mit Selma hätte möglich sein können. Herbert verstand einfach nicht, was ihn zu einem Mauerblümchen wie ihr gezogen haben könnte. Er war sich aber auch nicht sicher, was ihn zu ihr zog, warum sie mehr und mehr seine Gedanken zu beherrschen begann. Sicher, sie war intelligent, kompetent, eine wahre Bereicherung für die Dienststelle und damit auch ihm eine wertvolle Hilfe. Ganz zu schweigen von ihren erstklassigen Verbindungen, die ihm schon mehr als einmal ausgesprochen nützlich gewesen waren.Und natürlich war sie wunderschön! Es gab keinen Zweifel. Seit Karls Tod hatte sie sich verändert, und – wie er fand – zu ihrem Vorteil! Ihr Haar war kürzer und heller, ihr Blick klarer und energischer, es war offensichtlich, dass sie sich nicht mehr so leicht etwas vormachen lassen würde. Die meisten Menschen wunderten sich darüber, dass sie in der Hauptstadt blieb, nachdem an diesem Tag so viele furchtbare Dinge passiert waren. Nachdem sie selbst durch die Hölle  gegangen war, sowohl Karl, als auch ihre Zukunft mit ihm für immer verloren hatte. Herbert war gezwungen gewesen mitanzusehen, wie tief und nachhaltig der Schmerz in ihr bohrte. Hatte auch miterlebt, wie ihr Bruder sich von ihr abgewandt, und sie daraufhin einen Schlussstrich unter die  zu enge  Beziehung mit ihrem Vater gezogen, und sich endgültig von ihrem bisherigen Leben losgesagt hatte. Er verstand das, hatte er nicht oft genug ähnlich gehandelt? Und nicht nur das verstand er. Er spürte auch, wie Unsicherheit jedesmal von ihr Besitz ergriff, sobald sie irgendetwas an Karl zu erinnern begann. Die Legende, die er war, die seltsamen Umstände seines Todes taten ihr Möglichstes um sogar einen kalten Rationalisten, wie er es war, in schwachen Momenten zu verunsichern. Was war nur, an diesem Mann, dass seine Anwesenheit von Zeit zu Zeit wie ein Lufthauch zu spüren war, dass er einfach nicht vergessen werden konnte. Und Herbert wusste sehr gut, dass Selma ihn niemals bemerken würde, solange sie sich immer und immer wieder sich in diesem Lufthauch verlieren würde. Aber vor allem wusste er nicht, ob er überhaupt von ihr bemerkt werden wollte, denn dies würde ja bedeuten, dass er wieder in die Versuchung geraten könnte, sein Innerstes oder den Teil, der er davon noch finden konnte, bloßzustellen. Doch dazu war er mit Sicherheit noch nicht bereit. * * *          Todsigridlenz   Und dann war es still. Von einem Augenblick auf den anderen, hatte sich eine Mauer zwischen ihn und die Welt geschoben. Sie schirmte ihn ab von dem Geräusch der Schläge, den Lauten, die er selbst ausstieß, so sehr er sich auch bemühte, sie zurückzuhalten, trennte ihn von dem Schmerz, von dem er noch wusste, dass er existierte, aber den er, wie durch ein Wunder, nicht mehr zu empfinden imstande war. Dunkelheit umfing ihn gnädig, senkte sich über ihn wie ein samtener Mantel, bedeckte wohltuend die geschwollenen Lider und schenkte ihm einen Hauch des Friedens, den er seit so langer Zeit ersehnt hatte. Er schmeckte das Blut auf seiner Zunge, dickflüssig, und süß, füllte es seinen Mund, beherrschte als letzte Empfindung seine Sinne. Er entfernte sich wie in Zeitlupe, schwebte durch ein Vakuum, kämpfte darum fortzukommen, loszulassen, befreit zu werden von der Enge, der Angst, der Schuld, sein Geist suchte verzweifelt Erlösung. Doch dann war sie wieder zurück, die Welt, und mit ihr der Schmerz und dieses heisere Lachen aus unerreichbarer Ferne. Und er wollte schreien, wollte sich wehren, sich weigern, das alles noch einmal durchzustehen. Und leise, unendlich sanft drang die Stimme seines Peinigers an sein Ohr. “Wir haben Ihnen doch gesagt, dass wir sie nicht sterben lassen würden, noch nicht!”  * * *         Feiertagesigridlenz   An Tagen wie diesen zweifelte Malcolm mitunter daran, den richtigen Beruf gewählt zu haben. Immer wieder begannen die Menschen gerade zu dieser Zeit des Jahres durchzudrehen, als könnte keiner von ihnen den Gedanken ertragen, dass schon wieder ein Jahr in den letzten Zügen lag. Wenn ihm die Sache mit der Bombendrohung, die Terrorwarnung nicht dazwischengekommen wäre, dann würde er sich jetzt bereits auf dem Weg zu seiner Mutter befinden, um mit ihr die Feiertage zu verbringen. Nicht, dass es ihr viel ausmachen würde, wenn er nicht käme, für sie gab es schon sehr lange keine bekannten Gesichter mehr in dieser Welt. Es musste Jahre her sein, seit sie ihn zum letzten mal mit seinem Namen angesprochen hatte, seit dem sie bei seinem Anblick nicht von Verwirrung und Unsicherheit ergriffen worden war. Es tat ihm immer wieder weh die einst so starke, selbstbewusste Frau nun verzweifelt nach Erinnerungen suchen zu sehen, nach einem winzigen Hinweis darauf, wer der große, fremde Mann, der ihr ruhiges, abgeschiedenes Zimmer betrat, wohl sein könnte. Und dennoch war sie seine Familie, die einzige Familie, die er noch hatte, und diesen einen Tag im Jahr sollte man doch mit seiner Familie verbringen. Seine Familie! Er schüttelte skeptisch den Kopf. Bevor ihr Gehirn angefangen hatte zu zerfallen, war es ihr stetiges Bemühen gewesen, ihn dazu zu bewegen, eine eigene Familie zu gründen. Sie war nicht müde geworden, ihm immer wieder ‘zufällig’ vorbeikommende junge Frauen aus der Nachbarschaft vorzustellen, jede einzelne von ihnen ausnehmend hübsch, klug und charmant.  Und doch hatte es ihm jedesmal, wenn auch vielleicht nicht an Interesse, dann doch mit Sicherheit an Zeit gefehlt. Wie oft war er mitten in einer netten Plauderei abkommandiert worden, oder hatte sich gleich im Vornherein für seinen kurzen Aufenthalt entschuldigen müssen. Sie hatte sich niemals beschwert, im Gegenteil, war sie doch stolz gewesen auf ihren ehrgeizigen Sohn, der die Nachteile seines Berufes mit so viel Plichtbewusstsein in Kauf nahm. Doch jetzt war er ein Fremder für sie. Worte wie Tapferkeit oder Pflichterfüllung hatten ihre Bedeutung verloren. Die Pflegerinnen, die geduldig für sie sorgten, trugen Gesichter, mit denen sie noch einen Wiedererkennungswert verbinden konnte, und er hoffte für sie, dass es solange wie möglich auch so bleiben würde. Mit Lilly hätte sie sich vermutlich nicht so schnell anfreunden können, gegen ein weißes Gesicht in ihrer Familie hätte sich ihr Stolz gewehrt. Wie oft hatte sie gegen ihre afro-amerikanischen Brüder gewettert, die ihr Erbe verleugneten, und sich eine weiße Frau auswählten. Malcolm war mit diesen Gedanken aufgezogen worden, so dass es ihm niemals in den Sinn gekommen wäre mit einer Frau wie Lilly auch nur auszugehen. Und doch, war es bei ihr etwas anderes. Was sie teilten war eine Seelenverwandtschaft, die über alles Äußerliche und Körperliche hinausging. Er seufzte und fuhr sich durch die kurzgeschorenen Haare. Es hatte keinen Zweck, sich damit zu quälen. So schön die Zeit mit ihr gewesen war, er hatte doch gewusst, dass sie nicht andauern konnte. Und dazu, war es unübersehbar gewesen, dass Lilly immer noch mehr für ihren Mann empfand, als er jemals für sich erhoffen konnte. Nach seinem Tod war sie  zusammengebrochen, doch letztlich hatte auch das dem Fortgang der Ereignisse keinen Abbruch getan. Das Leben musste weitergehen. Und nun verbrachte sie die Feiertage bei ihrem Vater, der sich langsam von seinem Schlaganfall erholte, und Malcolm wehrte sich dagegen, den Schmerz anzuerkennen, den der Gedanke, sie könnte nicht mehr zu ihm zurückkehren, in ihm auslöste. Unbewusst nahm er eine Bewegung wahr, und wandte sich Richtung Eingang, ließ beinahe die Akte fallen, die er im Begriff war, einzuordnen. “Lilly, was tust du denn hier?” Mit schnellen Schritten näherte sie sich ihm. Ihr weiches Haar folgte den Bewegungen ihrer Füße. “Ich habe gehört, dass du heute alleine bist.” Sie lächelte. “Und ich dachte, wir könnten uns gegenseitig Gesellschaft leisten.”   * * *          Charlottesigridlenz   Charlotte setzte Mathilda behutsam in den Laufstall, den sie unmittelbar nach Kais Anruf besorgt hatte, richtete ihr die bunten Kissen, Stofftiere und die Bauklötze, so dass die Kleine nur noch die Qual der Wahl zu haben brauchte. Mathilda gluckste vergnügt und schnappte sich einen Plüschhasen, den sie schon am Tag zuvor in ihr Herz geschlossen hatte. Erleichtert setzte sich Charlotte neben sie auf den Teppich und streckte seufzend die Beine aus. Vielleicht war das Mädchen wirklich schon zu groß für einen Laufstall, wie Daniel wiederholt kritisch bemerkt hatte, aber sie hatte nicht vor, mit dem Kind irgendein Risiko einzugehen, solange es in ihrer Obhut sein würde. “Keine Sorge, Mathilda,” sagte sie mehr zu sich, als zu dem Mädchen und ließ den Blick prüfend umherschweifen. “Sobald ich das Haus bis in den letzten Winkel kindersicher gemacht habe, kannst du auf Entdeckungsreise gehen.” Sie lächelte bei dem Gedanken an die vielen Dinge, die sie vorsichtshalber schon besorgt, und  vor ihrem Mann bislang noch wohlweislich versteckt hatte. Wenn er zur Arbeit gegangen wäre, würde sie die Gelegenheit haben, die Treppengitter anzuschrauben, Ecken, Kanten und die Steckdosen zu sichern. Die spöttischen Bemerkungen Daniels am Abend würde sie leicht mit einem Glas Wein besänftigen können. Ihr Lächeln weitete sich zu einem befreiten Grinsen. Was für ein Glück sie doch mit diesem Mann hatte, ein Glück, von dem sie schon seit langem nicht mehr gewagt hatte zu träumen. Und sie wusste, wie sie ihn zu nehmen hatte. Er war, wenn sie es richtig anstellte, Wachs in ihren Händen. Genau in diesem Moment kam er die Treppe hinunter, wie jeden Morgen perfekt mit Anzug und Aktentasche, und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.  “Lass mich dir helfen”, flüsterte sie in sein Ohr und richtete ihm die Krawatte, die er, ohne sie, nicht in der Lage zu sein schien, richtig zu binden. “Danke Liebling”, murmelte er und setzte mit einem Blick auf Mathilda hinzu: “Ich freue mich so, dass du sie bei dir hast. Habt einen schönen Tag, meine Damen!” Er küsste sie noch einmal, und mit einem Mal war das Haus wieder still. Das Kind sah ihm mit großen Augen hinterher, blieb aber unbeweglich sitzen. Es war wirklich schön sie hier zu haben. Schon lange Zeit vor ihrer Begegnung mit Daniel, kaum zu glauben, dass dieser Tag erst wenige Monate her sein sollte, hatte Charlotte gewusst, dass sie keine Kinder bekommen konnte, und sich letztlich auch damit abgefunden. Aber das kleine Mädchen hier zu haben, brachte eine Unmenge Erinnerungen wieder hervor, die sie für immer verschüttet geglaubt hatte. Denn eigentlich war sie es gewesen, die ihren Bruder aufgezogen hatte, zumindest war es in der Regel in ihren Aufgabenbereich gefallen, auf ihn aufzupassen, ihn zu füttern oder zu baden, später dann in die Schule oder zu Verabredungen zu bringen. Ihr Vater war praktisch nie zu Hause gewesen, und ihre Mutter hatte sich mit Tabletten und Alkohol darüber hinweg getröstet, weshalb es an Charlotte gewesen war, die Elternrolle zu übernehmen. Sie schüttelte den Kopf bei dem Gedanken daran, wie viel sich seit dem verändert hatte. Oder es lag daran, dass sie älter und ängstlicher geworden war. Aber sie konnte sich nicht daran erinnern, dass es für Kai Gitter an Herd oder Treppe gegeben hatte, ganz zu schweigen davon, dass man daran gedacht hätte, Reinigungsmittel oder scharfe Gegenstände aus dem Weg zu räumen. Eigentlich war es ein Wunder, dass er seine Kindheit überlebt hatte. Sie hatte damals sicher nicht jeden seiner Schritte überwacht, hatte als Teenager genügend andere Dinge im Kopf gehabt. Sie strich sich das rotbraun getönte Haar aus der Stirn und versuchte dadurch die Unsicherheit zu vertreiben, die sie wie ein Windstoß zu erschüttern drohte. Was für ein Unsinn! Sie würde dafür sorgen, dass auch diesem Kind nichts passierte, immerhin ging es um ihre Nichte. Immerhin ging es um ihre einzige Nichte, und sie würde es niemals zulassen, dass diesem kleinen Engel etwas zustieße.    * * *         Gefangensigridlenz   “Ist es dir nun endlich gelungen!” “Wovon redest du?”  Thomas wand sich in seinen Fesseln, versuchte mit seinem Blick die Dunkelheit zu durchbohren, konnte jedoch nicht mehr als den Umriss eines hochgewachsenen Menschen erkennen.  Und doch war der Anblick vertraut, beruhigend, verheißungsvoll. Er fühlte sich, allein durch die Anwesenheit einer zweiten Seele in dieser dumpfen Leere, getröstet.  “Ich rede davon, dass es doch genau das ist, was du immer gewollt hast.” Die Gestalt bewegte sich, schien auf ihn zu zu schweben, näherte sich stetig, bis schwarze Augen milde und doch streng auf ihn hinunter starrten.  “Was soll ich gewollt haben,” stieß Thomas hervor. Sein ganzer Körper schmerzte, sein Hals brannte, seine Nervenbahnen standen in Flammen. Mit jeder Faser seines Herzens sehnte er sich aus diesem Krankenbett heraus, sehnte sich danach dieser abgrundtiefen Erschöpfung ein Ende machen zu können.  Edwin legte ihm die Hand auf die Stirn, sie war kühl und beruhigend. Die Berührung sandte Strahlen in ihn aus, sanfte Strahlen, die den Schmerz linderten, ihn betäubten und ihm einen erleichterten Seufzer entlockten.  “Du wolltest doch sterben,” flüsterte Edwin. “Das wolltest du doch, solange wir uns kennen!  “Ich… .” Seine Lippen waren mit einem Mal taub, unbeweglich, unfähig die Worte zu formen, die ihm durch den Sinn gingen.  “Bin ich… ? Bist du… ?” Er dachte es mehr, als dass er es aussprach.  “Ich bin!” Ein Lächeln umspielte Edwins Mund, wärmte die Luft um ihn, senkte Frieden in sein Herz.  “Aber was ist mit dir?”  “Ich weiß es nicht,” stammelte Thomas. “Ist das mein Ende? Ist das nun endlich das Ende, und ich kann aufhören zu kämpfen?” “Wieso glaubst du, dass der Kampf ein Ende haben wird?”  Edwins Lächeln weitete sich, bevor er dem Freund antwortete.   “Das wird er niemals haben, nicht für dich.”  * * *           Veranstaltungen für Senioren:  Es existieren bereits zahllose Ratgeber oder Leitfäden, die dem Verantwortlichen bei der Organisation von Festivitäten, Spielgruppen oder Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder zur Seite stehen. Die Unterhaltung für Senioren, gerade für Demenzerkrankte ist jedoch immer noch ein eingeschränktes Thema, über das der Normalbürger schwer etwas in Erfahrung, geschweige denn Hilfestellung erwarten kann. Und doch wissen wir alle, dass nicht nur die Verantwortung für unsere Kinder, sondern auch die für unsere Eltern und Großeltern, zu einem Teil unseres Lebens geworden ist.  Deshalb ergänze ich dieses Buch mit einigen Vorschlägen und Ideen, die leicht und problemlos, sowohl in der häuslichen Pflege, als auch in Seniorenheimen praktiziert werden können und bereits erfolgreich praktiziert werden.  Die Organisation eines geselligen Nachmittages kann ein Angebot und ein Vergnügen für die gesamte Familie sein.  Natürlich bieten sich Variationsmöglichkeiten ohne Ende, abhängig von Diäten oder anderen Einschränkungen, aber auch in diesem Fall ziehe ich den Vergleich zur Veranstaltung eines Kindergeburtstages heran.  Vorgeschlagene Strukturierung:  Beginn: Kaffee und Kuchen Unterhaltungsteil: Anregungen, einzeln oder kombinierbar: Vorlesen einer kurzen Geschichte, eines Gedichtes oder Textes:Je nach Geschmack eignen sich Fabeln, Glossen, Kindergeschichten. Als günstig erweisen sich Texte, die Erinnerungen hervorrufen, Bezugspunkte bieten. Auch Humor ist immer gerne gesehen.  Musik:  Live Musik ist immer ein Ereignis, und häufig bieten sich ehrenamtliche Helfer, Angehörige an, für einen musikalischen Höhepunkt zu sorgen.  Vorschläge: Auch hier zählt der Wiedererkennungswert. Bekannte, launige Lieder sind am erfolgreichsten.  Sehr zu empfehlen: Operettenmelodien, wenn möglich mit Gesang.  ( Das Weiße Rössl, Land des Lächelns… ) Witzige Lieder mit einfachen Texten, die unterhalten und Vernügen bereiten.   Tanzen Abschluss: Ein Gläschen Eierlikör, Sherry oder Wein ist für Viele eine gern gesehene Abwechslung       Über weitere Vorschläge und Ergänzungen würden wir uns sehr freuen.  Ich danke meinen Eltern, Helga und Hans-Jörg Lenz für ihren Einsatz und ihre Erfahrungen, sowie allen bereits erwähnten Mitwirkenden von ganzem Herzen.   Sigridlenz        Kontakt:   SigridLenz@aol.com Autorenmix:http://community.livejournal.com/autorenmix/  


About this entry